TeamVision

Es ist Mittwoch und wie jeden Tag holt mich der Wecker um 5.30 Uhr aus dem Schlaf. Noch kurz dösen, dann ins Bad, Zähne putzen. Dani kann noch etwas liegen bleiben, ehe sie die Kinder weckt. Ich merke gar nicht, wie die Zahnbürste über meine Zahnreihen gleitet, weil ich in Gedanken schon im Tagesverlauf bin. Nach dem Frühstück mit den Arbeitskollegen im „Health Food Kitchen“ ist er mit den Vorbereitung für den Wochenendworkshop geblockt. Aber erst mal gleich in den Fitnessbereich der Firma, fit werden für die nächsten Stunden.

Der Weg zum Ergometer ist kurz: Eine Etage die Treppen ins Erdgeschoss hinunter, über die Straße und schon bin ich in der Firma angelangt. Auf dem Monitor vor dem Fitnessraum sind bereits die Aerobic- und Yogakurse angekündigt, die in einer halben Stunde beginnen. Nichts für mich: Mein Lieblingsgerät ist frei und ich nehme gleich Platz, das Sportoutfit hatte ich ja bereits zuhause angezogen. Ich liebe diesen Start in den Tag, weil ich hier in aller Ruhe etwas fürs körperliche Wohlbefinden tun und gleichzeitig meine Gedanken schweifen lassen kann. Mal sind es schöne Erinnerungen an die Familienerlebnisse, mal die wenigen Momente allein mit Dani, dann bin ich schon voll bei der Arbeit. Heute lässt mich die Bildung des neuen Teams nicht los. Ich habe zwar in den vergangenen drei Jahren auch schon ein Team geleitete, aber diese Aufgabe wird noch mal anders: die neue Gruppe setzt sich überwiegend aus neuen Mitarbeitern zusammen.
Ich erinnere mich noch gut, als ich vor fast acht Jahren selbst bei MGRobotics angefangen habe. Ich war etwas unsicher und auch nervös, aber das Gefühl legte sich schnell. Mein erster Arbeitstag startete nach der kurzen Willkommens-Zeremonie mit einem Familienfrühstück – dass das keine Ausnahme ist, stellte ich auch bald fest. Gründer und Inhaber Michel und seine Frau waren damals auch dabei. Der Monitor am Empfang zeigte meinen Namen, verbunden mit einem herzlichen Willkommensgruß – und schon standen gleich mehrere Mitarbeiter vor mir, die sich vorstellten. Es war nicht etwa mein eigenes Team, sondern das, das sich um das Wohlbefinden von Mitarbeitern, Lieferanten und Kunden kümmert. Von ihnen erhielt ich meine Visitenkarten, dann ging´s in einen großen hellen Raum mit mir endlos vorkommenden Whiteboards und Teamtools an den Wänden. Mittendrin acht zwar identische, aber völlig unterschiedliche dekorierte Arbeitsplätze. Hier also würde ich die nächste Zeit verbringen. Den mir zugedachten Schreibtisch erkannte ich daran, dass hier noch keine Familienfotos, persönliche Motivationssprüche und -dekorationen und Ähnliches drapiert waren. Während der Raum noch auf mich wirkte – ich muss trotz Begleitung durch die Frau des Gründers etwas verloren ausgesehen haben mit dem Packen Visitenkarten auf dem Arm – umringten mich plötzlich ein paar Menschen, die sich schnell als mein Team herausstellten. Nach dem kurzen Hallo und dem Namensaustausch wurde ich angehalten, mich mit dem administrativen Kram zu beeilen. Bei Notebook einrichten, Mails und Teamtools testen bekam ich tatkräftige Hilfe, da war der Vormittag auch schon vorbei. Die anderen Mitarbeiter in der Firma lernte ich beim Mittagessen kennen. Selbstverständlich konnte ich mir nicht alle Namen sofort merken, aber nach gut einer Stunde schien es, als hätte ich jedes Firmenmitglied gesehen. Das Piepen meines Ergometers reißt mich jäh aus den Gedanken. Nass geschwitzt bin ich inzwischen, freue mich schon auf die Dusche und danach das Frühstück mit den Kollegen und meiner Familie.
Während ich unter der Dusche stehe kommt plötzlich die Erinnerung an meine Einarbeitungsphase. Die ersten Ausführungen über Teamwork und Work-Spirit verwirrten mich damals noch etwas. Dass das nicht nur leere Worthülsen sind, konnte ich schon in den ersten Wochen erfahren. Gemeinsame Entscheidungen in selbst organisierten Einheiten, ausgewogene Verteilung von Rollen und Aufgaben, klare Anforderungen an jeden Einzelnen, aber auch gegenseitige Unterstützung prägen das Arbeiten in den Gruppen. Klassische Hierarchien gibt es in den heterogenen Teams aus Menschen mit unterschiedlichen Werdegängen und kulturellen Hintergründen nicht. Jedes Teammitglied wird in die Entscheidungsprozesse eingebunden, wer welche Aufgaben zwischen Kundenkontakt, Projektleitung, Programmierung, Konstruktion und anderem annimmt, wird gemeinsam festgelegt. In meinem damaligen Team mussten wir schon nach einem halben Jahr personell nachsteuern: Wir benötigten zwei weitere Mitglieder, um alle Arbeitsbereiche abdecken zu können. Stellenausschreibung und Einstellungsprozess lagen ebenso alleine in der Entscheidung unseres Teams wie die wirtschaftliche Planung, Arbeitszeitgestaltung, Urlaubszeiten oder Weiterbildungen. Das war neu für mich, dass derartige Verantwortung komplett übertragen wird.

Das „Health Food Kitchen“ liegt gleich gegenüber dem Eingang zum Fitnessraum, nur durch den großzügigen Eingangsbereich getrennt. Es ist die Alternative zur klassischen Kantine und nicht nur für die Mitarbeiter zu erreichen. Das Restaurant ist auch eine Idee unseres Gründers und soll die gesunde Alternative für Frühstück und Mittagessen zuhause bieten. Eine echte Option für Familien, in denen beide Elternteile arbeiten, und Singles, die sonst auf dem Weg zur Arbeit schnell einen ungesunden Snack „reinpfeifen“. Bis in den Nachmittag hinein ist die Kitchen geöffnet, am Abend aber soll die Zeit den Familien gewidmet werden können. Wer dennoch gemeinsam ausgehen will, findet auch ausreichend andere Gelegenheiten dazu. Für die meisten von uns kommt ein Frühstück zuhause eigentlich kaum noch in Frage, wir treffen uns fast alle hier und haben unsere Familien meist auch dabei. Ich freue mich, Anna und die Kinder zu sehen. Sie schliefen ja noch, als ich heute Morgen aus dem Haus ging. Wir genießen alle gemeinsam leckere und gesunde Essen, gemeinsam gelacht und über die heiteren Dinge in Beruf- und Privatleben gesprochen. Heute sind mal wieder die „Fehler des Monats“ dran, die wir gestern gekürt haben. Fehler zu machen ist menschlich und gehört zum Leben dazu wie die Erfolge. Mit der Kür stellen wir niemanden an den Pranger, wir weisen darauf hin, dass Fehler normal sind. Außerdem hilft es allen anderen dabei, dieselben Patzer nicht selbst zu „produzieren“. Der Kollege, dem der „Fehler des Monats“ unterlaufen ist, stellt ihn kurz vor und erklärt, wie es dazu gekommen ist. Gemeinsam wird dann darüber diskutiert und überlegt, wie sich dieser Fehler in der Zukunft vermeiden lässt. Anschließend gibt´s für alle eine Kleinigkeit, die von demjenigen ausgesucht werden darf, der den Fehler gemacht hat. Gestern war es den aktuellen Temperaturen angemessen ein Eis. Bezahlt wird selbstverständlich von der Firma. Manchmal laden wir auch die vom Fehler betroffenen Kunden zu diesen Runden ein; einerseits, damit sie an der Diskussion teilnehmen können, andererseits, damit sie unsere besondere Firmenphilosophie kennen lernen.

Nach dem Frühstück streben alle auseinander. Ich verabschiede mich von Anna und den Kindern, die sie drei Straßen weiter in die Kita bringt und dann zu ihrem Team hier stößt. Ich ziehe mich auch an meinen Schreibtisch zurück, wo ausnahmsweise mal keine Arbeit im Team, sondern am Team auf mich wartet. Der Auftaktworkshop am Wochenende soll für alle ein inspirierendes und motivierendes Erlebnis werden, mit dem wir dann in die effektiven Arbeitsprozesse einsteigen. Wieder bin ich bei meinem eigenen Welcome hier. Nach dem Kennenlernen der Mitarbeiter hatte mich mein Team sichtlich frohgelaunt vor der Restauranttüre abgefangen. „Hast du deine Outdoor-Sachen dabei? Wir haben schon alles vorbereitet, um das Beste aus diesem Tag herauszuholen!“ Ich wurde in den kleinen Firmenbus verfrachtet und mir wurde während der Fahrt mit Begeisterung erklärt, dass sich jedes Team bei Neueinstellungen ein Event aussuchen kann, wofür natürlich mehr Zeit bleibt, wenn alles andere gut vorbereitet ist. Jetzt verstand ich die Hektik im administrativen Kram am Vormittag. Derartige Events erfüllen gleich mehrere Zwecke: sie sind Belohnung für geleistete Arbeit, helfen bei Eingliederung neuer Teammitglieder und dienen dem Teambuilding unabhängig von projektbezogenen Aufgabenstellungen. Für uns ging es in den Kletterwald mit anschließendem Zelten, aber wie ich später mitbekam sind Saunabesuche mit Wellnesscharakter, Theaterabende, Koch-Events oder Skifahren ebenso gern genommene Aktivitäten. Nach dem aufregenden Tag klang der Abend am Lagerfeuer aus – für mich damals eine wichtiger Baustein zum „Runterkommen“, den ich auch am Wochenende unbedingt mit einbauen will. Wobei das bei unserer Gruppenunterkunft im Naturpark durchaus auch der offene Kamin sein kann; das entscheiden wir noch spontan vor Ort. Gemeinsames Holzsammeln steht beiden Optionen voran.
Für die Neuen wird es darum gehen, Firmenkultur, Selbstentwicklung und Verantwortung in unserer Firma kennen zu lernen. Dass Team nicht für „toll, ein anderer macht´s“ steht und dass gestalterische Freiheit in Arbeitszeit und -taktung bei uns einhergehen mit hoher Leistungsbereitschaft und Gemeinschaftssinn. Dass jeder Ideen und Konzepte einbringen und diese dann eigenverantwortlich umsetzen kann. Ich bereite die Charts für die vier Firmen-Leitregeln vor: Proaktive Ausrichtung am Bedürfnis des Kunden [LINK], Respekt für den Menschen [LINK], Win-Win [LINK] und Wenn eine der vorherigen Leitsätze nicht anwendbar sind, wird es nicht gemacht [LINK]. Im Rahmen dieser Regeln werden wir dann herausarbeiten, was genau diese vier Regeln für unser Team und unsere Arbeit bedeuten. Ein Prozess, der immer wieder kehrt und auch bei alteingesessenen Mitarbeitern häufig neue Ideen freisetzt. Ich hoffe, dass „den Neuen“ klar wird, dass bei unseren Entscheidungsprozessen nicht um Konsensfindung geht, sondern eine Form der Beratung und Begleitung. Wer eine Entscheidung zu treffen hat, kommuniziert mit den Mitarbeitern, die es betrifft oder auf die es Einfluss hat. Gibt es keine Argumente dagegen und werden die vier Leitregeln berücksichtigt, wird umgesetzt. Schon im Rahmen des Wochenendes werden wir so zu Entscheidungen kommen, zu denen jeder Einzelne beitragen wird. Inhalte der internen Schulungen zu Teamtools und Teamprozessen packe ich in den dritten Tag. Da können wir dann auch die fachlichen Paten zuordnen, die jedem neuen Mitarbeiter mindestens in den ersten Wochen zur Seite stehen. So fällt es dann allen einfach, vom ersten Tag an produktiv im Team zu arbeiten, dabei gleichzeitig viel zu lernen, Verantwortung zu übernehmen und doch bei Fragen oder Unsicherheiten gut aufgehoben zu sein. So zumindest ging es mir damals in meinen ersten Wochen, die ich als unglaublich produktiv und inspirierend wahrgenommen habe. Auch die Erklärung der üblichen Arbeitstage passt hier hinein. Diese werden, wenn möglich, in Blöcke eingeteilt. Es gibt „Maker Time“, den größten Block für die Abarbeitung der Tagesaufgaben, dann Zeit für Mails, Teamtools und Ähnliches. Damit bleibt der Workflow gewährleistet und wenn das Grundprinzip verstanden ist, können wir noch innerhalb dieser Einheit für unser Team festlegen, wie wir die Arbeitsblöcke genau planen wollen. Zumindest für die erste Zeit.
Eine Sache wird erst mal für Protesthaltung sorgen: Die Nutzung Sozialer Netzwerke und Chats ist bei uns verboten – von den Teamtools abgesehen, die aber ausschließlich firmenintern zur Verfügung stehen. Der Hintergrund dazu wird aber hoffentlich für Verständnis sorgen und im Arbeitsalltag wird das dann sicher schnell akzeptiert. Denn unserem Gründer geht es dabei darum, dass alle Mitarbeiter innerhalb der regulären Arbeitszeit bleiben. Ablenkung durch andere Medien sorgt für geringere Effektivität, Überstunden und mangelnde Zeit für Privates und Familie. Auch Wochenendeinsätze – deren Notwendigkeit in der Regel in der Einschätzung der Kunden liegen – sind mit der Regelarbeitszeit abzudecken. Überstunden sind zwar nicht zu 100 Prozent ausgeschlossen, aber bleiben immer im überschaubaren Rahmen und lassen sich schnell wieder ausgleichen.
Für den Abend des zweiten Tages plane ich unseren Gründer Michel ein. Er wird persönlich über seine Gründungsvision, Werte und seinen Lebensweg referieren. In lockerer Runde erwarte ich gebannte Spannung und anschließend einen regen Austausch. Und doch werden die meisten die Vision erst nach geraumer Zeit in unserer Firma richtig verstehen, wahrnehmen, dass sei tatsächlich gelebt wird, Tag für Tag. Michel wird von seiner Mission erzählen, Leistung, Familie und individuelle Interessen miteinander zu vereinen. Vor diesem Hintergrund hat er nicht nur die Firma aufgebaut, sondern auch das Firmengebäude, das Restaurant und das Wohnumfeld für die Mitarbeiter. „Niemand soll mit dem Auto in der Rush-Hour viel private Zeit verlieren müssen“, sagt er immer. Darum hat er auf dem Gelände eine Mischung aus der Tiny-House-Bewegung in den USA und Urban Living geschaffen. Die Idee sind bezahlbare Wohnungen, ein komfortables, hochwertiges Zuhause, für das nicht jahrzehntelang an Bankkredite abbezahlt werden muss. Bei höherem Platzbedarf werden Doppelwohnungen mit gemeinsamem Eingangsbereich genutzt. Die zweite lässt sich für die Kinder nutzen, sind diese einige Jahre später aus dem Haus, kann sie untervermietet werden. Für die Warmwasserversorgung ist durch alternative Energiequellen gesorgt, ansonsten basiert der gesamte Komplex auf einer Null-Energie-Bauweise. Auch an die Freizeitgestaltung hat Michel gedacht: Neben dem Fitnessraum und dem Restaurant finden sich im Erdgeschoss des Firmengebäudes Gemeinschaftsräume für LAN-Partys, E-Sport, Musikproben oder die solidarische Landwirtschaft. Die verteilt ihre Erträge an die Mitglieder, die wiederum Einfluss auf die angebauten Pflanzen nehmen und auf dem Bauernhof helfen.

Der Tag ist wie im Flug vergangen. Mit dem Halbjahres-Workshop musste ich mich heute noch nicht auseinander setzen, das kommt später. Aber ich schätze dieses wiederkehrende Tool sehr, weil es nicht nur das eigene Team vorwärts bringt, sondern alle Einheiten ihre Erfahrungen einbringen, um das Gesamtunternehmen auf Kurs zu halten. Prozesse und Formen der Zusammenarbeit werden auf den Prüfstand gestellt und der Tagesworkshop endet mit einem großen Kamingespräch. Ich treffe Anna und gemeinsam laufen wir den ersten Stock runter, wo wir unsere Kinder in der Betreuung abholen. Die ermöglicht eine echte Vereinbarkeit von Familie und Beruf. An den beiden Tagen, die Anna komplett arbeitet, gibt sie die Kinder dorthin. Wir sind froh, dass wir diese Einrichtung in der Firma haben. Als ich hier angefangen habe, gab es die Kinderbetreuung am Nachmittag noch nicht. Eine Kollegin hatte sich aber im Halbjahresworkshop dafür stark gemacht und einen Entscheidungsprozess in Gang gesetzt. Viele Kindergärten und Schulen bieten nicht die nötige Flexibilität, schließen bereits mittags und in den Ferien komplett und verhindern so die ideale Verbindung mit der gewünschten beruflichen Weiterentwicklung. Auf ihre Initiative hin wurde die Betreuung Teil der Firma und dafür extra ein Etagenflügel freigeräumt. Kein Problem, da das Firmengebäude ohnehin auf Wachstums- und Ausbaumöglichkeiten ausgelegt ist. Die Leiterin ist übrigens die Frau eines Mitarbeiters mit entsprechender Ausbildung, die von wechselenden freiwilligen Mitarbeitern unterstützt wird. Viele Eltern bei MGRobotics gehen vor der Betreuung mit ihren Kids mittags in der „Health Food Kitchen“ essen.